Im weissen Raum von Sandra Schaller

Jonas verlässt sein religiöses Elternhaus in den Bergen, um in der Stadt zu studieren. Mit seinem Glauben an Gott im Gepäck zieht er bei seinem Cousin Martin und dessen Mitbewohner Lucien ein.

Obwohl Jonas in die Stadt kam, um mehr über Agrarwissenschaften zu lernen, ist wohl das Wichtigste, was er am Schluss über sich selbst gelernt hat.

Jonas durchlebt eine Phase des Erwachsenwerdens. Er muss sich nun selbst organisieren und tendiert dazu, Neues auszuprobieren, und dabei still gegen seine Eltern zu rebellieren. Doch in der Stadt macht er auch wichtige Prozesse durch, welche ihn zu dem Menschen machen, den er später sein wird. Er entwickelt sich, findet sich und, wenn auch mit Schwierigkeiten, akzeptiert sich.

Die Schwierigkeiten sind auf einen inneren Zwiespalt zurück zu führen. Basierend auf seinem Glauben an Gott, hat er Vorstellungen, wie er zu sein hat. Diese entsprechen jedoch nicht seinem Ich, das er zu werden scheint.

Es fällt ihm nicht nur schwer, seine Sexualität mit der Religion zu vereinen, er versteht auch nicht, wie die Wissenschaft und der Glaube zueinander passen.

Eine sehr schöne Erklärung liefert ihm darauf Lorenz.

„Mein Glaube gibt mir die Freiheit, in all dem einen Sinn zu finden.“

Für Lorenz ist die Wissenschaft ein unendliches Feld. Um sich darin nicht zu verlieren, steckt er sich seinen Teil des Feldes ab, schafft sich Grenzen mithilfe des Glaubens.

Während Jonas trotz dem Glauben beruhigt weiter studiert und neben dem Glauben auch an die Wissenschaft glaubt, hat er Probleme damit, sich selbst zu akzeptieren wie er ist. Er glaubt nicht an sich selbst und daran, dass seine Gefühle auch einen Platz in dieser Welt haben und seine Taten ohne Konsequenzen bleiben dürfen. Es geht ihm schlecht, er bestraft sich selbst für sein Verhalten. Es geht ihm noch schlechter. Er hat das Gefühl, Gott habe ihn verlassen. Oder ist diese Leere in ihm doch Liebeskummer?

Denn Jonas macht nicht nur erste sexuelle Erfahrungen, sondern erste sexuelle Erfahrungen mit einem Mann. Wäre das erste bereits eine Sünde, so ist das zweite für Jonas untragbar. Weder die Bibel erlaubt es, noch ist es natürlich, da dabei Fortpflanzung keinesfalls möglich ist.

Während Jonas diese Ansicht verteidigt, sieht es Lucien ganz anders.

Ich will

Mit meinen Lippen versuchen

Mit meinen Augen glauben

Mich

Natürlich verhalten

Nach den Gesetzen der Natur

Mich

Sträuben gegen

Die Verbote der Kultur

Aus diesem Gedicht von Lucien ist raus zu lesen, dass für ihn die Liebe natürlich ist. Egal wen und egal wie. Dass sie jedoch nicht in allen Formen von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Gefühle sind etwas, das man nicht kontrollieren kann, das einfach so entsteht. Folglich ist dies für Lucien ein natürlicher Vorgang.

Dass Lucien sich gegen die Verbote der Kultur sträubt, merkt man bald. Er macht, was er will. Und nennt es Kunst. Kunst, mit der er erfolgreich ist. Mit der er zum Denken anregen möchte. Lucien wurde stark geprägt von seiner Vergangenheit.

Doch nicht nur er. Es wird offensichtlich, dass unsere Vergangenheit uns formt und uns verändert hat. Wie es auch das Jetzt und die Zukunft tun und tun werden.

Passend dazu ist der Titel zu interpretieren. „Im weissen Raum“.

Weiss, wie noch leer und ungestaltet. So wie Jonas, bevor er sich selbst findet. Er versteckt seine Sachen unterm Bett, so, wie er sein wahres Selbst vor sich und allen anderen versteckt, bevor er sich selbst akzeptiert.

Oder aber, weiss, wie rein.

Die nächsten Tage verbrachte ich apathisch in meinem Zimmer und starrte die weisse Wand an. So wollte ich auch sein. Weiss. Ein weisser Raum. Doch ich war schmutzig. Ich war Dreck.

Zu Beginn des Buches hatte ich den Eindruck, die Charaktere wären nicht authentisch erschaffen. Doch nach und nach wurde ersichtlich, dass die Diversität Jonas` nicht unglaubwürdig ist, sondern seinen inneren Zwiespalt wieder spiegelt.

Ein schönes Buch mit mehreren wichtigen Themen als Schwerpunkt. Und doch leichtfüssig zu lesen. Was mir sehr gefiel, war die dezente Gestaltung der romantischen Szenen, welche trotzdem die Sinnlichkeit zwischen den beiden ausdrückten.

Titel: Im weissen Raum / Autorin: Sandra Schaller / Verlag: boox-verlag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: